Franz Marx, ein Glücksfall für Neu-Arad

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„ Nein, Herr Marx, mein Sohn wird nicht studieren, es genügt wenn er ein guter Handwerker wird. Die Tochter wird im Garten gebraucht“. So oder ähnliche Aussagen bekam Lehrer Franz Marx immer wieder zu hören, wenn er bei Neu-Arader Familien vorsprach, damit diese die Tochter oder den Sohn nach dem Abschluss der Allgemeinschule zu einer weiterführenden Schule schicken sollten. Ein anderes Mal warb er für den Besuch des in Neu-Arad eröffneten Deutschen Abendlyzeums, was viele von uns auch dankbar annahmen.  Auf diesem Wege gelang es manchem Jugendlichen, neben einer sinnvollen Beschäftigung die Matura zu bestehen, was neue Wege beruflichen Weiterkommens eröffnete. So erstreckte sich seine Fürsorge um die deutsche Jugend und Bevölkerung aus Neu-Arad neben seinem Wirken als Kantor, als Lehrer und Professor an der Deutschen Pädagogischen Lehrerbildungsanstalt, als Leiter der deutschen Kulturgruppe, bis hin zur Tätigkeit als Vorsitzender des Rates der Werktätigen Deutscher Nationalität des Kreises Arad; sein Schaffen war uneigennützig und diente der Wiederbelebung und Bewahrung unseres kulturellen deutschen Erbes.  Schon bei Adam Müller- Guttenbrunn musste der Vater des „Kleinen Schwab“ feststellen, wenn schwere Zeiten kommen, werden deutsche G’studierte gebraucht!  Franz Marx wagte den Spagat, deutsche Kultur und Bräuche unter den nachkriegszeitlichen Gegebenheiten aufzubauen und zu deren Pflege anzuregen.

Franz Marx wurde vor einhundert Jahren, am 27. Juli 1909 in Simonydorf, Kreis Arad geboren, wo er auch die Volksschule besuchte. Von 1921 bis 1930 studierte er  an der Katholischen Deutschen Lehrerbildungsanstalt in Temesvar. Danach war er bis zum Eintritt in den  rumänischen Militärdienst Kantor in Orawitza und später Lehrer in Baratzhausen und Hatzfeld.

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Nach Kriegsende kam er 1946 bis 1949 nach Neu-Arad als Kantor, gründete hier mit  Jugendlichen einen Kirchenchor und beteiligte sich mit Liedern bei der Theatergruppe der Kapläne Korner und Kräuter. Die ersten Aufführungen nach dem Krieg  erfolgten 1947 und 48. Als Kantor schrieb er auch einige selbstgedichtete und komponierte Kirchenlieder zur Erstkommunion oder zu anderen kirchlichen Feierlichkeiten. Mit seiner unermüdlichen Schaffensfreude führte er  ab 1946 die Tradition der Traubenkränzchen für die Jugend Neu-Arads wieder ein. Aber bald musste er sich zwischen Kirche und Schule entscheiden, und  so trat er 1946 parallel dazu als Lehrer in die Neu-Arader Grundschule ein. „Marxbacsi“, wie er inzwischen liebevoll von den Kleinen genannt wurde, sollte nun die Härte des Nachkrieges voll erfahren, es gab so gut wie keine Schulbücher, alles musste auf Arbeitsblätter geschrieben und vervielfältigt werden. Franz Straub, sein damaliger Schüler erinnert sich, wie er nach dem Unterricht seinem Lehrer half, von ihm erstellte Texte oder Rechenaufgaben für den nächsten Tag zu vervielfältigen. Das Vervielfältigen von Texten mit dem Schapyrographen war eine mühselige Arbeit. Der Text wurde von Hand auf ein spezielles Papier geschrieben, wobei er sich auf der Kehrseite spiegelverkehrt abbildete. Mit Hilfe dieser Vorlage konnte man mit einer mit Flüssigkeit befeuchteten Gummiwalze den Text kopieren.

Deutsche Lehrer waren nach dem Krieg im Arader Kreis sehr gefragt. So wurde 1950 eine Deutsche Pädagogische Lehrerbildungsanstalt in Neu-Arad eröffnet. Zusammen mit Schulinspektor P. Beller und Direktor M. Schiller war Franz Marx maßgeblich am Aufbau beteiligt. Er war sofort bereit, als Studiendirektor und Klassenlehrer, als Mann der ersten Stunde, einzuspringen. „Wir verstanden uns so gut und weinten, als wir unseren Klassenlehrer mit traurigem Herzen wieder abgeben mussten“, erinnert sich die damalige Lehramtsanwärterin A. Metz. Parallel besuchte er in Temesvar  einen 3-jährigen Kurs, den er als Professor absolvierte. Neben seinen Fächern Musik und Chemie, unterrichtete er Erdkunde und  Naturkunde. Dabei blieb er stets kameradschaftlich, nicht beleidigend, ein richtiges Vorbild an Arbeitsmoral und Menschlichkeit. 1949 gründete er seine erste Schülerkapelle. Zusammen mit seinem  vierstimmigen Chor und dem Orchester der „Pädaschüler“ wurden an Wochenenden mit einem hochwertigen Kulturprogramm die damals kulturhungrigen Ortschaften besucht. Unvergessen bleiben auch seine, zusammen mit Direktor Schiller organisierten, lustigen Jahresausflüge.

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Wie schon erwähnt, kam er bei der dankbaren Jugend bestens an, und so nahm  er sich zuerst ehrenamtlich, auch noch den Neu-Arader Schulabgänger an. 1956 trat er mit einer überaus gelungenen Abendvorstellung zum ersten Mal mit seiner neugegründeten deutschen Kulturgruppe in Neu-Arad auf. Er war deren Leiter, Arrangeur und Dirigent  des Orchesters, Chorleiter und Betreuer seiner  Solistinnen und Solisten. Der Kulturheimsaal wurde zu klein, die erste Vorstellung musste wiederholt werden. „Was Jahre zuvor noch unvorstellbar, wurde durch sein grenzenloses Bemühen Wirklichkeit“ erzählt Barbara Hans, die von Anfang an dabei war. Und das alles, neben seiner Tätigkeit als Lehrer.

Neben verpflichteten rumänischen und deutschen patriotischen Liedern wurden auch Volkslieder und Schlager eingelernt.  Wie aber Franz Marx unsere Lieblingsschlager von Fred Rauch’s Wunschkonzert, – damals als dekadent  bezeichnet -, nach oben hin verteidigte, weiß Franz Straub zu berichten. Als Motto wurde „Moskau – Bukarest  – Wien“ vorgegeben, und tatsächlich wurden je ein russisches, ein rumänisches, und danach den ganzen Abend deutsche Lieder vorgetragen!  So kamen wir beim deutschen Publikum natürlich gut an und waren fasziniert und begeistert von unserem eigenen Können. Ein Beispiel: für vier Minuten „Hawaii Feeling“ tauchten wir sämtliche Birnen der Bühnen Rampenbeleuchtung in rote Farbe, und die Mädchen brachten von daheim ihre exotischen Pflanzenkübel auf die Bühne. Dann durften wir, unvergessen und mit Gänsehaut das Duo Pfeiffer/Hess erleben: „Steig in das Traumboot der Liebe!“ Danke, Franz Marx!

Nicht nur die schwierige Beschaffung und Auswahl der Stücke, sondern auch wer und wie sie vorgetragen wurden, lag ihm sehr am Herzen. Seine Solisten L. Klug, B. Hartmann, J. Hans, B. Hess und M. Pfeiffer mit J. Hess durften mit seinem professionellen Rat und seiner  einmaligen Geduld immer rechnen. So musste ich von heut auf morgen eine Partitur um 2 Töne höher transponieren, nur weil Lenis Timbre erst mit den hohen e und fis richtig zur Geltung kam! Und das für das gesamte Orchester, von Lehrer A. Tringls Bass bis zu A. Dietrichs Flöte.

Bei interrayonalen Gesangswettbewerben schafften es seine Solisten bis ins Finale, ins Temesvarer Deutsche Staatstheater.  Eine Zithergruppe unter Leitung von H. Lenhardt kam hinzu, ebenso Frau G. Mihailovicis Tanzgruppe (Bändertanz). U. Armbruster studierte mit uns Theaterstücke ein. Man traf sich wöchentlich im Kulturheim zu den Proben, neue Jugendliche traten der Gruppe bei. Im September 1956, nach der kriegs- und regimebedingten Unterbrechung, konnte Neu- Arad wieder seine erste Kirchweih feiern.
Pausenlos ging’s weiter. Mit Wienerliedern, Medleys wie „Mit Paul Linke in Neu-Arad“, Seemannslieder und den neuesten Schlagern, begab sich Franz Marx mit seiner Kulturgruppe auf eine Tournee ins Banat. Mit großem Erfolg wurden im Frühjahr 1958 die Großgemeinden Grabatz, Bogarosch und Lenauheim bespielt, dabei war auch die Jugendblaskapelle unter Leitung von M.Frisch. Im Sommer organisierte der unermüdliche Franz Marx für seine Jugend eine vierwöchige Rumänienreise von den Karpaten zum Schwarzen Meer.

Auch die Allgemeinbildung der Neu-Arader Bevölkerung lag ihm am Herzen. Auf sein Betreiben hin hielten abends im Kulturheim Fachleute Vorträge über Gesundheit, über die Einwanderung ins Banat, oder 1961, über die Raumfahrt der Russen.

Franz Marx hat uns von der Schule an gekannt, durch die Jugendzeit begleitet, bis er dann mit feuchten Augen auch unseren Hochzeiten beiwohnte; als Geschenk  und Andenken gab es ein buntes Schmuckkissen. Ihm können wir es verdanken, dass wir trotz der Stadtnähe und deren Verführungen unter uns und Deutsche geblieben sind!
Im Frühjahr  1959 kam es zur letzten, von ihm inszenierten Vorstellung. Aus gesundheitlichen Gründen musste Franz Marx kürzer treten, doch er gab nicht auf. Eine wöchentliche einstündige, deutschsprachige Radiosendung war sein nächstes Projekt, das vom städtischen Rundfunk (difuzoare) in Arad, Neu-Arad und Kleinsanktnikolaus ausgestrahlt wurde. Von uns Jugendlichen wurden die von ihm vorbereiteten Texte, Nachrichten und kulturelle Ankündigungen, umrahmt von einem musikalischen Teil, eingelernt und wiedergegeben.

1968 wurde der Rat der Werktätigen Deutscher Nationalität gegründet und unser unermüdlicher Franz Marx dessen erster Vorsitzender im Kreis Arad. Nachdem er 1971 seinen Schuldienst beendete, konnte er nun an höherer Stelle unter ständigem Drängen, aus der mittlerweile nur deutschen Abteilung des rumänischen Gymnasiums, 1972 auf die Gründung eines rein deutschen Lyzeums in Neu-Arad hinwirken. Franz Straub, der selbst das Lyzeum in Neu-Arad absolviert hatte, wollte er unbedingt  als Schuldirektor haben. Bei der Eröffnung des neuen Schuljahres 1972-1973 als deutsches Gymnasium hob Franz Marx, der seinen Vortrag in deutscher Sprache hielt, die Bedeutung der Neugründung hervor und legte schon im Keim auch die kulturelle Tätigkeit fest.

Neu-Arad lebte noch einmal auf, es sollte das letzte Aufbäumen vor der langsamen, steten Abwanderung werden. Nach einer vollständigen Renovierung und  dem Bemühen um einen modernen Unterricht, galt es, die Schule auch als kulturelles Zentrum Neu-Arads einzurichten. Dank Franz Straub und einer Reihe von begeisterten Kollegen wurde der Schulchor und das Schulorchester von Sepp Wenz weitergeführt und parallel dazu von Franz Watz eine Jugendblaskapelle, ein Quartett und ein Elternchor ins Leben gerufen. Zu den wichtigsten Stützen dieses Chores gehörten die ehemaligen „Künstler“ der von Franz Marx geleiteten Kulturgruppe. Schon im Winter 1973 kann die Wiederaufnahme des traditionellen Trachtenballs mit 96 Paaren als wichtigstes kulturelles Ereignis bezeichnet werden. Auch die Neu-Arader Kirchweihjugend war beteiligt. Franz Marx war immer noch hilfreich dabei, er hatte alles richtig gemacht.

Selbst bei der Gründung neuer Schuleinheiten im Arader Kreis spielte er eine wichtige Rolle.  Auch seine Arbeitsbesuche in der Bundesrepublik nutze er hier zum Besuch seiner ehemaligen Schützlinge. Alles, was er versuchte zu erreichen, konnte ihm natürlich nicht gelingen, doch er arbeitete unermüdlich weiter und gab nie auf.

Zu  einer längeren Hepatitis kamen Herz- und Nierenversagen, und an einem trüben Januarnachmittag 1977 wurde Franz Marx unter großer Beteiligung im Neu-Arader Friedhof beigesetzt. Er wurde nur 67 Jahre alt. Die Todesanzeige im „Neuen Weg“ schaffte es, dass hunderte trauernde Freunde und Bekannte von nah und fern, ihm die letzte Ehre erwiesen. Mittlerweile wäre er Großvater einer seit 1997 verheirateten Enkelin Gabriele.
Franz Marx und das Neu-Arader Kulturleben nach dem Kriege sind nicht zu trennen, er ermöglichte das Wiederaufleben eines reichen kulturellen Lebens in Neu-Arad. Ohne ihn und sein Wirken in einer unsteten Zeit hätten unsere Spätaussiedlerkinder hier in der neuen Heimat größere Eingliederungsschwierigkeiten gehabt.
Wir schulden ihm aufrichtigen Dank!

Als besten Beweis seiner unvergessenen, großen Beliebtheit in Neu-Arad gilt hier zu erwähnen, dass bei der Erwägung der HOG Neu-Arad (www.hog.neuarad.de), Franz Marx zu seinem 100. Geburtstag zu ehren, alle angesprochenen Zeitzeugen mit großer Freude sofort bereit waren zu helfen.
Franz Marx liebte seine Heimat über alles,  er wird in unseren Herzen immer weiterleben!

Franz Weininger, Sindelfingen 2009

Bei den Recherchen haben aktiv mitgeholfen:
Edith Ribarovici (geb .Marx), Familie Josef Plech, Anna Dengl, Familie Michael Frank, Barbara Hans, Familie Josef Hess, Familie Josef Humm, Lorenz Klug, Anna Metz, Franz Straub, Familie Franz Teichert und Josef Tuch.

Allen herzlichen Dank!

5 Gedanken zu „Franz Marx, ein Glücksfall für Neu-Arad“

  1. Wunderbar. Prof Marx war auch mein Erdkundelehrer, aber von den anderen Taetigkeiten wusste ich nichts. Ich erinnere mich an Herren Professor als einen bescheidenen und angenehmen Menschen. Wir hatten ihn sehr gerne.

    Miki Weisz, Lehavim, Israel

  2. Danke Joschi für die tolle Bewertung unserer zweijährigen Arbeit, diese Neuarader Persönlichkeit hat es wahrlich verdient, geehrt zu werden!
    Grüsse nach Perth

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