Mit Musik ging alles besser

Nachruf  Magdalena Hess, geb. Pfeifer verstarb Ende August 2013 in Rastatt

Eine richtig romantische Stimmung kam im Saal auf, wenn das Kult-Duo Pfeifer/Hess inmitten exotischer Stauden und farbiger Beleuchtung ihre selbst einstudierten Lieder auf unserer Dorfbühne zum Besten gaben.

Wenn dann der Bühnenvorhang langsam zurückwich und die schemenhaft ausgeleuchtete Bühne die beiden Solisten Leni und Joschi Hess erkennen ließ, trat völlige Stille im Saal ein. Alle warteten gespannt und hielten den Atem an: werden sie den letzten Hit singen, haben sie ihn bereits drauf? Mit den ersten Tönen blitzten die Nickelverzierungen des Akkordeons geradewegs in den lautlosen, abgedunkelten Saal. Und wenn dann Lenis glockenreine Stimme sekundiert von Joschi’s Terz wieder den neuesten Schlager intonierte, blieb kein Herz unberührt. Sie verzauberten den überfüllten Saal in eine heile Welt, alle Sorgen und Unannehmlichkeiten waren verflogen. Eine utopische Freiheit becircte das geistiges Auge, Deutschland, Italien, Hawaii waren plötzlich greifbar nahe. In diesen Moment wurde das Leben wieder lebenswert, dank dieses begnadeten Künstlerpaares.

Ohne Mikrofon oder großem Gehabe absolvierten beide ihren Gesang, dem frenetischen Applaus dankten sie schlichtweg mit einer Zugabe.

Immerhin, das waren die damaligen Glanzpunkte, auf die alle Jugendlichen und Erwachsenen im Saal hinfieberten. Mehr war damals nicht möglich, gleich nach dem Krieg. Franz Marx überschritt sowieso seine Kompetenz als Kulturleiter, die Vorführungen sollten sich damals nur auf politische Massenlieder in rumänischer oder deutscher Sprache konzentrieren. Schlager mit einem freiheitlichen Flair waren verboten, als dekadent bezeichnet.

Wie Franz Marx nach oben hin sich zu verteidigten wusste, berichtet Franz Straub. Als Motto des Abends wurde „Moskau-Bukarest-Wien“ vorgesehen, tatsächlich wurde je ein russisches, ein rumänisches, danach den ganzen Abend nur deutsche Lieder vorgetragen.

Als Laien war es für das Duo Pfeifer/Hess nicht so einfach an die aktuellen Schlager ran zu kommen, die Beschaffung und Auswahl blieb allein ihnen überlassen. Damit betraten sie Neuland und weckten Neu-Arad aus der Lethargie der Kriegsnachwehen. Immerhin musste Text und Musik wiederholt aus deutschen Radiosendungen abgehört, abgeschrieben und zweistimmig eingelernt werden. Rekorder gab’s noch keine. Joschi Hess meint heute dazu: dem es gegeben ist der hat’s drauf. Leni hatte es drauf, sie war die treibende Kraft die wochenlang alle Wunschkonzertsendungen oder mittags „Autofahrer unterwegs“ abhörte, bis sie den neuen Schlager vorsingen konnte. „Alles nur Übung, immer wieder angespannte Übung“, erklärt mir Joschi, und er muss es ja wissen. Jetzt erst stieg er mit seinem Akkordeon ein und versuchte die neue Melodie zu begleiten. Während des Vortrages musste pedant auf spezifische Kleinigkeiten drauf geachtet werden. um der Originalität und dem Wiedererkennungswert des Schlagers gerecht zu werden.

Wenn es Ende der Fünfziger Jahre noch die Försterliesel, Ich möcht’ gern dein Herzklopfen hör’n, Die Liebe ist schuld daran oder der Weißer Holunder es den Zuhörern angetan haben, auferlegte sich das Duo Pfeifer/Hess selbst, ihre Messlatte höher zu legen und sich mehr auf die neuesten Schlager zu orientieren. Das animierte alle anderen Duos und Musikergruppen zum Nachahmen; auf allen Hochzeiten oder Tanzbällen erwartete man selbstverständlich, die beliebten neuen Melodien aus dem Radio wieder zu hören.

Von Verwandtschaften aus Deutschland waren kaum Musiknoten zu erwarten, also blieb den zweien nur ihre altbewährte Methode des immerhin anstrengenden Abhörens vom Radio. Franz Marx wollte sein Kult-Duo mit seinem Orchester begleiten, auch ihm fehlte es an Musiknoten. Er begann selbst mit dem Niederschreiben und Orchestrieren, was ihn eine Menge Zeit kostete. Ich hatte damals das Glück nebenher einzusteigen und von ihm viel zu lernen.

Wiederholt ließ er die Musiknoten seines Orchesters dem oder der Sängerin angepasst umschreiben. „Bei Leni gehen wir 2 Töne höher, ihr einmaliges Timbre kommt erst dann richtig zur Geltung, wenn sie bis zum oberen E ansingt“. Seine Vokalisten durften mit seinem professionellen Rat immer rechnen. Manche schafften es bei interrayonalen Wettbewerben bis ins Finale, ins Temesvarer Deutsche Staatstheater.

Jetzt wurden Vico Torriani, Freddy, Margot Eskens, Lolita oder Caterine Valente „entzaubert“, das Duo Hess, mittlerweile verheiratet, nahm sich einen Schlager nach dem anderen vor und sang ihn direkt in die Herzen der kulturhungrigen Gemeinden rundum Neu-Arad’s. Die meisten Ortschaften hatten ihre eigenen Sängerpaare, jedoch was und wie unser Duo das Neueste aus der Schlagerwelt darbot, blieb konkurrenzlos.

Beim Weißen Mond von Marathonga oder Vaya con dios oder Ein Herz das kann man nicht kaufen oder Steig in das Traumboot der Liebe wähnten sich die Zuhörer mit feuchten Augen in ihre Jugend zurückversetzt und manche am Ziel ihres langersehnten Wunsches: im freien Deutschland.

Im Nachhinein betrachtet war dieses Bezaubern des Publikums immens wichtig; niemand wusste wann und ob überhaupt für ihn die Freiheit je winkt, das dauernde Abwarten und Vertröstet werden gab vielen den Rest. Jedoch nach so einen unbeschwerten, musischen Abend schöpfte so mancher wieder Mut und Kraft weiterhin auszuharren und die Hoffnung nie auf zu geben.

Mit ihrer begnadeten Stimme und ihrem Talent die Menschen in eine optimistische Stimmungswelt mitzunehmen, sang sich Leni auch als Solistin in die Herzen ihrer dankbaren Zuhörer. Bis zur Ausreise sangen beide in der verheirateten Kulturgruppe und im Elternchor des Neu-Arader Lyzeums mit. Unbedingt erwähnenswert wäre noch der einmalig gelungene Auftritt zusammen mit Sohn Fredi, mit Roy Blacks „Schön ist es auf der Welt zu sein“.

Unser Dank gilt diesem Paar, dass mit seiner Kunst und überzeugender Kraft seines Vortrages unser aller Leben etwas schöner gestaltete. Mit Musik geht alles besser, unser Kultduo Hess hat einen wahrhaft großen Anteil dazu geleistet!

Leni, du bleibst unvergessen!

Franz Weininger, Sindelfingen

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