Zur Erinnerung an Herbert Philipp

Autorität wird nur dann nicht angezweifelt, wenn sie sich auf fachliche Leistung und untadelige menschliche Haltung gründet – dieses Wort des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann lässt sich gut auf unseren ehemaligen Lehrer Herbert Philipp übertragen, der am 10. Mai diesen Jahres unerwartet verstorben ist.

Die ehemaligen Schüler und das ehemalige Lehrerkollegium des Neu-Arader Lyzeums trauern um einen verdienten und geschätzten Lehrer, der von 1967 bis 1981 die Geschicke der Schule entscheidend mit prägte.

Herbert Philipp stammte aus einer Neu-Arader Familie, in der der Lehrerberuf Tradition hatte. Begeisterte Lehrer waren sowohl sein Großvater Peter Philipp (in Großdorf), sein Vater Hans Philipp (in Kreuzstätten), sein Onkel Peter Philipp (in Giroda), Großonkel Johann Philipp (in Schimand) sowie seine kürzlich im Alter von fast 99 Jahren in Freiburg verstorbene Kusine Magdalena Philipp (in Alt-Sanktanna).

Geboren wurde Herbert Philipp am 12. August 1929 in Kreuzstätten, wo sein Vater Hans Philipp an der staatlichen deutschen Volksschule Direktor-Lehrer war. Bereits dort reiften in ihm der Wunsch und der Entschluss, ebenfalls Lehrer zu werden. Die unbeschwerte Kindheit in Kreuzstätten wurde aber jäh unterbrochen, als sein Vater als Offizier in der königlich rumänischen Armee bei den Kämpfen um Odessa im Jahre 1941 fiel und in Selz (Transnistrien) begraben wurde.

So musste er früh, zusammen mit seinem fast gleichaltrigen Bruder Otto, auch Verantwortung übernehmen für seine zwei jüngeren Geschwister Hilde und Horst und seine Mutter unterstützen.

Herbert Philipp besuchte von 1940 – 1944 die Adam Müller Guttenbrunn-Schule in Arad (Klassen 5-8) und wechselte dann an das rumänische Moise Nicoara Lyzeum, das er mit dem Abitur (Bakkalaureat) 1949 abschloss. Da es zwischen 1944 – 1947 so gut wie keine deutschen Schulen in Rumänien gab, schien auch sein Berufswunsch, als Lehrer an einer deutschen Schule zu wirken, ernsthaft in Frage gestellt zu sein.

Das änderte sich 1949, als von den neuen Machthabern den Deutschen in Rumänien auch wieder Unterricht in deutscher Sprache zugestanden wurde.

Damals war es möglich, gleich nach dem Abitur als Volksschullehrer anzufangen. Allerdings wurde von Herbert Philipp vorher noch ein Jahr ‚freiwillige Aufbauarbeit‘ beim Bau einer Eisenbahnstrecke in der Maramuresch erwartet. Bei dieser Arbeit erkrankte er schwer an Tuberkulose, von der er sich nur langsam erholte.

Seine 31-jährige Lehrertätigkeit in verschiedenen deutschen Schulen des Arader Landes und nördlichen Banats begann er 1950 im Alter von 21 Jahren im zweiten Zyklus der Volksschule in Schöndorf. Stets war er bestrebt, den banater Schülern den Unterricht in ihrer deutschen Muttersprache zu sichern. In der Folge unterrichtete er von 1954 bis 1963 in Deutsch-Sankt Peter und von 1963 bis 1967 in Engelsbrunn. In Deutsch-Sankt Peter stellte er mit Lehrer Anton Hamerak eine umfangreiche Insektensammlung als Anschauungsmaterial für seine Schüler zusammen.

Berufsbegleitend studierte Herbert Philipp für das Lehramt Naturkunde (Erdkunde) am Pädagogischen Institut der Universität Klausenburg. So erreichte er 1957 sein erstes Staatsaexamen als Lehrer für den zweiten Zyklus (Sekundarstufe). Um sich weiter zu qualifizieren studierte er, ebenfalls berufsbegleitend, von 1961 bis 1966 ein zweites Fach (Biologie) und erwarb damit auch die Lehrbefähigung für die Oberstufe (Lyzeum). Dementsprechend konnte Herbert Philipp dann seit 1967 am deutschen Lyzeum in Neu-Arad Erdkunde und Biologie unterrichten.

Ebenda war er auch mein Lehrer in den Fächern Botanik, Zoologie, Biologie und Erdkunde. Als Jugendfreund meines Vaters und Landsmann hat er mich aber nicht privilegiert behandelt. Auf die Frage, wie man den Schmetterling in Kreuzstätten nannte, stand ich da mit hochrotem Kopf und brillierte mit Nichtwissen – sehr zum Leidwesen meiner Großmutter und zur Erheiterung meiner Eltern.

Die deutsche Schule in Neu-Arad hatte im Rahmen ihrer über 275-jährigen Existenz bisher 21 verschiedene Namen, sie besteht bis heute. Mit der allgemeinen Aufbruchsstimmung für die deutsche Minderheit in Rumänien nach 1968 wurde endlich wieder die Errichtung rein deutscher Lyzeen möglich. So war auch die Ausgründung 1972 des als Abteilung des rumänischen Lyzeums Nr 4 geführten deutschen Lyzeums als nunmehr eigenständiges „Lyzeum Nr. 6“ mit ausschließlich deutschen Klassen eine Sternstunde. Die rumänischen Schulbehörden verfügten sogar für ein Jahr die ausschließliche Aufnahme von Kindern mit guten, am besten muttersprachlichen Deutschkenntnissen, so dass dann auch die Schüler in der Pause deutsch redeten, was in den anderen Jahrgängen oft nicht der Fall war. Nach Herbert Philipps Auffassung gehörte zur guten Ausbildung eben auch, dass die Schüler ihre deutschen Sprachkenntnisse auch für das Gespräch miteinander verwenden, dass also Deutsch auch Schülersprache ist, nicht nur Schulsprache. Die rumänischen Schulbehörden nahmen jedoch diese positive Regelung der verpflichtenden, muttersprachlichen Deutschkenntnisse bereits im Jahr danach zurück. Das war enttäuschend, aber leider im Einklang mit dem 1974 eingeleiteten politischen Umschwung der auf die Assimilation der ‚mitwohnenden Nationalitäten‘ in die einheitliche ‚sozialistische (rumänische) Nation‘ zielte. Auch andere im Rahmen des Aufbruchs gewährten Zugeständnisse für die mitwohnenden Nationalitäten’ wurden damals zurückgenommen, z.B. die Erlaubnis die deutschen Ortsnamen öffentlich zu verwenden.

Die vergleichende Methode, ‚Denken durch Vergleichen‘, war seine Maxime, die er auch seinen Schülern nahe brachte. So regte er auch den Vergleich mit den anderen deutschen Lyzeen in Rumänien an, insbesondere mit der Lenau-Schule. Er organisierte einen regen Austausch und auch Besuche ganzer Klassen in der Lenau-Schule. Hier fand er in Direktor Prof. Erich Pfaff, der ebenfalls Erdkunde unterrichtete, einen stets offenen und hilfsbereiten Ansprechpartner vor.

Im Jahre 1960 heiratete er in Neu-Arad Elfriede Topits.

Der Aussiedlung stand Herbert Philipp bis Ende der 1970er Jahre mit erheblichen Vorbehalten gegenüber, war er sich doch im Klaren, dass damit ein Aufbauwerk von 10 Generationen unwiderruflich aufgegeben wurde. Erst 1981 entschloss er sich dann doch schweren Herzens mit der Familie auch auszusiedeln.

 

In Deutschland ließ Herbert Philipp sich mit seiner Familie in Fürth bei Nürnberg nieder. Er unterrichtete Erdkunde und Biologie am Graf-Stauffenberg Gymnasium in Bamberg bis er mit 40 Berufsjahren 1990 in den Ruhestand ging. Er hielt die Verbindung mit vielen seiner Schüler aufrecht und besuchte auch oft und gern Klassentreffen seiner ehemaligen Klassen aus dem Banat. Sein Interesse galt weiterhin der Lage und der Entwicklung der deutschen Minderheiten in Osteuropa und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Es war ihm vergönnt seine letzten Jahre bis wenige Tage vor seinem Tod zuhause im Rahmen der Familie zu verbringen und sich an seinen Enkeln zu erfreuen. Obwohl seine Gesundheit inzwischen etwas nachgelassen hatte, so dass er nicht mehr zu Klassentreffen fahren konnte, blieb er doch im brieflichen Kontakt mit seinen Schülern.

Seine Familie, die Heimatortsgemeinschaft Kreuzstätten und die Neu-Arader Landsleute, die ehemaligen Lehrerkollegen und Schüler beugen sich der unabänderlichen Fügung des Schicksals mit tiefem Schmerz. Wir sagen ihm über das Grab hinaus Danke und werden ihm ein bleibendes Andenken bewahren.

Gerlinde Bohn im Namen der Kreuzstättener Landsleute, denen er sich zeitlebens verbunden fühlte und im Namen ehemaliger Schüler

Maria Theresia Bohn und Karl Bohn im Namen des ehemaligen Lehrerkollegiums des Neu-Arader Lyzeums.

Ein Gedanke zu „Zur Erinnerung an Herbert Philipp“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.