Weltempfänger

Kinder können mit ihrer steten Fragerei älteren Herrschaften schon richtig auf den Geist gehen. Ganz anders mein Großvater, Jahrgang 1880. Auf  meine Frage, wie ein Radio funktioniere, gab er mir eine  Antwort, die ich nie vergessen werde. Während er sich mit Seinesgleichen unterhielt, erwähnte er, dass die ersten Radiogeräte recht teuer und leider sehr leise waren. Wenn in den 40er Jahren in Berlin eine große Rede angesagt war, musste er – weitab im Banat – zuerst die lästigen Stubenfliegen loswerden, denn das Summen störte ihn und die Nachbarn, die sich einfanden, um die Neuigkeiten zu erfahren.

Auf meine kindliche Frage, wie ein Radio sprechen kann, ohne dass da jemand drinnen versteckt wäre, bekam ich von ihm eine weise Antwort. Also beim Morsen oder Telefonieren müsste ich mir einen langen Hund vorstellen, dessen Kopf bis in die Großstadt Arad reiche. Nun, sooft wir den Hund am Schwanze zögen, belle er im Arader Rathaus, wo diesem Gebelle Buchstaben zugeordnet würden. Soweit so gut, aber das Radio?

Also beim Radio gab es damals mehrere Hunde, einen großen Deutschen Schäferhund in Berlin und viele kleinere Hunde, die gemäß des Berliner Hundegekläffs eifrig drauf los weiterheulten. So bekam das ganze Rudel bis in weit entfernte Ortschaften vorgeheult, was sie vor Ort zu bellen hätten.

Wie Recht er hatte!

Übrigens 1944, gleich nach dem Umsturz, wurde ihm sein Röhrenempfänger von den neuen Kommunisten konfisziert. Danach weissagte er, dass alles, was mit „ismus“ ende, Lüge sei.

Nach über 30 Jahren sollte Großvaters Urenkel wieder einmal die lästigen Insekten vertreiben, nicht wegen der Stimme des Leitwolfes dessen neues Domizil nun Bukarest war, sondern weil sie bei einer Musikaufnahme störten. Im Arader Kulturpalais spielte die Kapelle Teichert Volksmusik für einen rumänischen Film ein, und die Plagegeister wollten unbedingt mit auf dem Band verewigt  werden.

Franz Weininger

Sindelfingen, Sept. 2010

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