Härtetest am 1. Mai bestanden

Nach dem obligatorischen Aufmasch vor dem Rathaus, freute sich jeder Arbeitstätige auf die seltenen Würstchen oder Mitsch vom Kohlegrill mit Senf und ein erfrischendes Bier. Zur Zeit des blühenden Sozialismuses gab es ab und zu Augenblicke der Freude. In dem folgenden Bericht  zeigt aber, daß nicht jedem die Freude auf dem lang ersehnten Genuß gegönnt wurde.

erster-mai-1967-tricoul-rosu

In memoriam Pfarrer Dr. Anton Schulter

Etwas ermüdet jedoch gutgelaunt traf ich grade meinen Kumpel, mit dem ich zusammen Musik mache. Auch er hatte mit seiner Firma den Aufmarsch zum Ersten Mai hinter sich gebracht und erzählte mit vorgehaltener Hand, dass er das ihm ausgehändigte Plakat irgendwo über einen Gartenzaun warf, um sich den Weg zum bereitstehenden Lastwagen zu sparen. Wir begannen  laut zu lachen, denn ich war auch nicht respektvoller mit dem Porträt meines kommunistischen „Promis“ umgegangen, den „entsorgte“ ich einfach in einem Eingang zu einem Hochhaus.  Nachdem man vor der zentralen Bühne vorm Rathaus, besetzt mit den Ersten und Besten des Arbeiter -und Bauernstaates, vorbeimarschiert war,  hatte man seine Pflicht getan und nur noch eine Flasche Bier und die  frisch gegrillten „Mitsch“ im Kopf. Aber in den Händen hielt man noch das Porträt Lenins, also was tun? Und wieder flog Lenin über einem Gartenzaun!

Weil im ganzen Jahr kaum Bier zu erhalten war, wäre ein Erster Mai oder ein Nationalfeiertag ohne Bier ein Revolutionsgrund gewesen!

Während mein Kumpel und ich am  Stand im Zentrum Neu-Arads uns überlegten wie wir schnellstens an unserem Bier und die Mitsch kämmen, näherte sich  ganz gemächlich unser Herr Pfarrer und gesellte sich in die Bierreihe. Ich schlug vor, seine leeren Bierflaschen sofort vorne umtauschen zu lassen, weil er sein Bier im Pfarrhaus trinken wollte. Nein, nein. Er hätte gerade Zeit und möchte gar nicht sofort bedient werden, das wäre ungerecht vor den Leuten in der Schlange.  So verquatschten wir uns ohne zu merken, dass der junge „Responsabil“ eine Mitteilung ausgehängt hatte, erst die Mitsch und dann das Bier. Also zuerst in die Grillschlange und mit dem bezahlten Bon danach in die Bierschlange!

Mein Kumpel stand noch um Mitsch an, als wir dran kamen. Herr Pfarrer wollte eben seine leeren Bierflaschen abgeben, als  der eigenmächtige Verkäufer ausfallend wurde, was sich Hochwürden nur einbildet, auch für ihn gelte seine Verkaufstaktik, erst essen und dann trinken. Damit möchte er dem hohen Alkoholkonsum vorbeugen, die Konsumenten vor der Trunksucht bewahren. Ich begann mich für den Verkäufer zu schämen. Da steht vor ihm ein älterer, gebildeter Herr, kein Säufer, der sich Monate zuvor auf eine Flasche Bier gefreut hatte, eine Flasche die auch ihm an solchen Tagen zustand.

Anstatt Bier erhielt der ehrwürdige Herr nur einen lauthals vorgebrachten Verweis von dem respektlosen jungen Verkäufer. Enttäuscht machte Herr Pfarrer langsam kehrt, verabschiedete sich und ging.

Indessen kam Mischi aus der Mitschreihe mit dem begehrten Bon.

„Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, hier mit dem Bon können Sie ihr Bier erhalten!“

Kurz hielt er inne und erwiderte traurig:

„ Nein danke, heute ist Freitag, also fleischloser Fasttag. Auch wenn ich die Mitsch erst morgen essen würde, hätten alle in der Schlange Grund zur Annahme, ich missachte das Fastengebot.“

Das klang nicht nur enttäuscht sondern auch verbittert.

Jetzt wurde mir klar welch hartes Los ein Vertreter der katholischen Kirche mit sich trägt, wissend dass er auf Schritt und Tritt beobachtet und begutachtet wird, wahrlich ein ungemütliches Dasein.

Der Mann der Kirche hatte die Würde entsagen zu können, nur um dem Pöbel keinen Anlass zum Klatsch zu bieten. In memoriam verneige ich mich vor diesem edlen Menschen.

Franz Weininger, Sindelfingen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.